Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren des Stadtrates,
als in Weimar geborener Bürger liegt mir insbesondere das Andenken an die 56.000 Toten von Buchenwald am Herzen. Seit meiner Jugend berührt es mich jedes Mal, wenn ich an den Massengräbern oder im Krematorium der bestialisch ermordeten oder durch Erschöpfung physisch vernichteten Menschen gedenke, von denen manche den Freitod als einzigen Ausweg gesehen haben. Für mich, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geboren wurde, ist der Schwur von Buchenwald keine Floskel, sondern muss in zeitgemäßer Form immer wieder in Erinnerung gebracht werden. Insofern ist meines Erachtens das uneingeschränkte Gedenken Verpflichtung, wenn Sie so wollen eine Art „Stadträson“, wie auch im größeren Rahmen die Verbundenheit mit Israel „Staatsräson“ ist. In der Ausgabe der TA vom 8. Dezember 2023 erschien der Artikel „Weimar sagt ja zu Schowkwa“. Als einfacher Bürger dieser Stadt kann ich zu einem solchen Schritt des Stadtrates nur sagen: Diese Entscheidung ist völlig übereilt und erfolgte ohne Diskussion mit den Bürgern. Ich sage „Nein zu Schowkwa“. Interessant wäre auch die Stellungnahme der Gedenkstätte Buchenwald, worüber in dem o.g. TA-Artikel nichts zu lesen war.
Was sind die Beweggründe für meinen Protest?
1.) Schowkwa/Zhovkva liegt laut Google etwa 91 km entfernt von Wolodymyr. Dort, im ehemaligen Oblasts Wolhynien/Rzez wolynska, wurde um den 26. März 1943 meist mit Äxten und Beilen ein Massaker an 100.000 meist polnischen, russischen und jüdischen Kindern, Frauen und Männern von der ukrainischen aufständischen Armee OUN/UAP unter Beteiligung des Nazis Stepan Bandera begangen wurde. Ein unglaublicher Massenmord, der bis heute seitens der Ukraine nicht aufgearbeitet wurde. Diesem Umstand und den berechtigten Forderungen der polnischen und vermutlich israelischen Seite scheint mir mit dem Stadtratsbeschluss nicht ausreichend Rechnung getragen worden zu sein.
2.) Es ist mir als einfacher Bürger dieser Stadt Weimar im Schatten des ehemaligen KZ Buchenwald völlig schleierhaft, wie man die Beziehung zur Ukraine durch eine „offizielle Partnerschaft“ (Wortlaut der TA) angesichts ukrainischer Bandera-Verehrer und einflussreicher Gruppen wie S14 mit Jewhen Karas oder sogar Melnyk auf Regierungsebene anstreben kann: Eine offizielle Partnerschaft mit direkten oder indirekten Nazi-Verehrern, und das nicht für Gera, Erfurt etc., sondern für Weimar? 3.) Der Schritt zu einer wünschenswerten Partnerschaft zwischen Weimar und einer Stadt in einem krisen- oder kriegsgeschüttelten Land wie der Ukraine sollte meines Erachtens erst nach Beendigung des allseits zu verurteilenden Krieges und demokratischen Wahlen in der Ukraine erfolgen. Selbst die EU geht von einer Mitgliedschaft der Ukraine erst nach Beendigung der dortigen Korruption aus.
4.) Mit Schowkwa als Partnerstadt ist eine Region verbunden, wo hinsichtlich des o.a. Massakers von Wolhynien unter Bandera mindestens eine bilaterale Klärung zwischen Polen und der Ukraine Vorrang haben muss. In diesem Sinne hat sich der KZ-Überlebende Ivan Ivanji in der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus am 28.08.2023 in Weimar mir gegenüber bestürzt darüber geäußert, dass es derzeit in der Ukraine 27 hochgeehrte Bandera-Gedenkstätten gibt.
Zusammenfassend möchte ich betonen, dass es mir um eine Abwendung von Schaden für das Vermächtnis der 56.000 Toten von Buchenwald durch das direkte oder indirekte Hofieren faschistischer Tendenzen geht. Deshalb derzeit mein Nein zu Schowkwa.
Weimar, den 10.12.2023
Hochachtungsvoll. Dr. Peter Sauer